Kategorie: Allgemein

  • Wikinger-Romantik im 21. Jahrhundert: Warum modernes Heidentum historisch gesehen eher LARP als Religion ist

    Wer heute durch soziale Medien scrollt oder auf Mittelaltermärkten unterwegs ist, stößt immer häufiger auf Menschen, die sich stolz als Asatru oder „Nordisch-Gläubige“ bezeichnen. Mit Thorshämmern um den Hals, Hornmet in der Hand und Runen-Tattoos auf der Haut berufen sie sich auf den Glauben der alten Wikinger. Doch blickt man mit den kühlen Augen der Geschichtswissenschaft auf dieses Phänomen, wird schnell klar: Das, was hier als „alte Tradition“ verkauft wird, hat mit der historischen Realität der Wikingerzeit ungefähr so viel zu tun wie ein Romantasy-Roman mit einem Geschichtsbuch.

    Aus historischer und wissenschaftlicher Sicht lässt sich das moderne Nord-Heidentum im Grunde auf eine Form des spirituellen Rollenspiels reduzieren – kurz: LARP (Live Action Role-Playing) mit religiösem Anstrich.

    1. Das Rekonstruktions-Dilemma: Religion ohne Skript

    Das fundamentale Problem jedes modernen Asatru-Anhängers ist denkbar einfach: Niemand weiß, wie die altnordische Religion tatsächlich praktiziert wurde.

    Die Wikinger hinterließen keine heiligen Schriften, keine Theologiebücher und keine liturgischen Leitfäden. Die altnordische Kultur war eine mündliche Kultur. Das, was wir heute als „nordische Mythologie“ in Lexika nachlesen können, stammt fast ausnahmslos aus der Feder christlicher Gelehrter des Mittelalters – verfasst hunderte Jahre nach der Christianisierung Skandinaviens:

    • Snorri Sturluson, der Autor der berühmten Prosa-Edda (ca. 1220), war kein heidnischer Priester, sondern ein christlicher Politiker. Er ordnete die Mythen nach dem Vorbild antiker, griechisch-römischer Klassiker und stellte die nordischen Götter als bloße menschliche Helden dar.
    • Saxo Grammaticus schrieb aus einer dezidiert christlich-polemischen Haltung heraus.
    • Adam von Bremen beschrieb den legendären Tempel von Uppsala im 11. Jahrhundert als christlicher Kleriker aus der Außenperspektive – gesehen hat er ihn sehr wahrscheinlich nie.

    Die spärlichen zeitgenössischen Zeugnisse wie Runensteine oder archäologische Funde liefern zwar Namen und Symbole, verraten aber fast nichts über konkrete Riten, Gebete oder Glaubensinhalte. Kurz gesagt: Wer heute glaubt, die Religion der Wikinger zu praktizieren, bedient sich eines Lückentextes, bei dem 90 Prozent der Wörter fehlen.

    2. Erfundene Traditionen: Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts

    Da die historische Kette der Überlieferung im späten Mittelalter vollständig abriss, gibt es keinerlei Kontinuität. Das heutige Asatru ist keine uralte Glaubensform, sondern eine moderne Neuerfindung.

    Die Entstehung des modernen Heidentums lässt sich recht präzise nachzeichnen:

    1. Die Romantik des 19. Jahrhunderts: Im Zuge der Nationalstaatenbildung suchte man in Europa nach „völkischen Wurzeln“. Die Edda wurde neu übersetzt, poetisiert und mit bürgerlichen Moralvorstellungen angereichert. Das Bild des edlen, freiheitsliebenden Wikingers war geboren.
    2. Die Neopaganismus-Welle des 20. Jahrhunderts: In den 1970er-Jahren gründeten sich in Island (Ásatrúarfélagið) und anderen Teilen der Welt Gruppen, die versuchten, aus den literarischen Fragmenten der Edda eine neue Religion zu basteln.

    Das heutige Brauchtum – von selbst erfundenen Ritualabläufen über esoterische Runen-Mantik bis hin zu neuheidnischen Feiertagen – ist eine Mischung aus romantischer Dichtung, moderner Esoterik und Anleihen aus dem Christentum. Es ist ein klassisches Beispiel für das, was der Historiker Eric Hobsbawm als „erfundene Tradition“ (invented tradition) bezeichnete.

    3. Der Entfremdungseffekt: Entkoppelt von der Lebenswelt

    Eine Religion lässt sich nicht isoliert von den Lebensbedingungen ihrer Anhänger betrachten. Die historische altnordische Religion war eine extrem pragmatische Überlebens- und Agrarreligion:

    Historische WikingerzeitModerner Neopaganismus
    Ziel: Ernteerträge, Überleben im Winter, Schutz vor Viehseuchen, Kriegserfolg.Ziel: Selbstverwirklichung, Naturromantik, Identitätssuche, Esoterik.
    Haltung: Do ut des („Ich opfere Blut und Fleisch, damit der Gott mir hilft“).Haltung: Symbolische Rituale ohne reale Existenzbedrohung.
    Weltbild: Von Naturgefahren bedroht, lokal und stammgebunden.Weltbild: Supermarkt, Zentralheizung und wissenschaftliches Weltbild.

    Ein modernes Blót (Opferfest), bei dem Met aus dem Supermarkt im Park über einen Stein gegossen wird, hat mit dem Blutopfer eines Bauers im 9. Jahrhundert, der um das Überleben seiner Familie vor dem Verhungern bangte, nur die Bezeichnung gemein.

    Fazit: Ehrlichkeit statt Selbstbetrug

    Gegen das Interesse an Geschichte, Mythologie und historischem Reenactment ist absolut nichts einzuwenden. Auch die Suche nach Naturverbundenheit oder neuen Identitätsmustern in einer komplexen Welt ist verständlich.

    Problematisch und historisch unhaltbar wird es jedoch dann, wenn Anhänger des modernen Asatru behaupten, sie würden authentisch den „Glauben der Ahnen“ praktizieren. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive lässt sich das Urteil kaum milder formulieren: Modernes Asatru ist kein uraltes Heidentum, sondern ein Kostümfest für die Seele – ein historisches Rollenspiel, das schlichtweg vergessen hat, dass es ein Spiel ist.

  • Kaiser Elagabal

    Die alten Geschichtsschreiber haben aus Kaiser Elagabal (218–222) eine der unterhaltsamsten Figuren der römischen Geschichte gemacht.

    Er soll sich als Frau verkleidet haben, Beamte nach Penisgröße ausgewählt und Ärzten ein Vermögen geboten haben, wenn sie ihm eine Vagina operieren.

    -An die Macht kam der 14-jährige Jüngling durch eine Intrige seiner Großmutter Julia Maesa.

    Elagabal war Priester eines Gottes, der angeblich in einem schwarzen Stein in der Stadt Emesa lebte. Diesen Stein schleppte er nach Rom und wollte ihn zum obersten Gott des Reiches machen. Jupiter sollte weichen.Was man sonst noch über ihn erzählte:

    -Er trug Seidenkleider, Schminke und Perücken, ließ sich vollständig enthaaren und schmückte seine Schuhe mit Edelsteinen. Der normale Römer lief in der Toga herum.

    -Elagabal wollte „Dame“, „Herrin“ oder „Kaiserin“ genannt werden. Die Historiker legen ihm den Satz in den Mund: „Nenne mich nicht Herr, ich bin eine Dame.

    -Er soll den Wagenlenker Hierocles geheiratet haben, einen ehemaligen Sklaven. Von ihm ließ er sich schlagen und als Frau behandeln. Beim Sex spielte er den passiven Part.

    -Einen anderen Mann, Aurelius Zoticus, holte er extra wegen der Größe seines Glieds nach Rom.Dazu kommen die Klassiker: Heirat mit einer Vestalin, Rosenregen bei einem Festmahl, unter dem Gäste erstickt sein sollen, und zahme Löwen, die er zur Unterhaltung auf die Gäste losließ.Nach vier Jahren hatten die Prätorianer genug. Sie töteten den 18-jährigen Kaiser und warfen ihn in den Tiber. Seine Großmutter hatte den nächsten Jungen bereits in Position gebracht.

    Ob davon viel stimmt, ist unklar. Die Quellen hassten ihn. Unterhaltsam war die Geschichte trotzdem.

  • Fakten über die Hexenverfolgungen

    -Die seriöse Forschung schätzt 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen in ganz Europa (ca. 1450–1750).

    Die „Millionen“, die vor allem in feministischen und esoterischen Kreisen kursieren, sind historisch unmöglich und widerlegt.

    -Die Verfolgungen fanden nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit statt. In dieser Zeit fiel die Kleine Eiszeit, die Ernten verschlechterten sich massiv. Die Menschen suchten Schuldige und fanden sie vor allem bei Außenseitern:

    -Menschen, die aneckten oder als „schwierig“ galten -Arme ohne Schutz und Netzwerke -Personen, die das Pech hatten, den Falschen zu verärgern und denunziert zu werden -Viele, oft sogar die meisten Denunziationen kamen von Frauen selbst. Die Anschuldigungen entstanden häufig aus Nachbarschaftsstreitigkeiten, Neid und alltäglichen Konflikten zwischen Frauen – nicht aus einer gezielten Männer- oder Kirchenkampagne.

    -Die Kirche hat nie speziell Heiler oder Mediziner gejagt. Hätte sie das getan, hätte sie auch die galenische Vier-Säfte-Lehre (damals medizinischer Mainstream) verfolgen müssen – hat sie aber nicht.

    -Die Kirche war nicht der Haupttreiber. In vielen Fällen eher widerwilliger oder passiver Mitspieler. Es gab zahlreiche Priester und Theologen, die sich den Verfolgungen aktiv widersetzten. -Das absolute Zentrum lag in Mitteleuropa (vor allem im Heiligen Römischen Reich). Ca. 75–80 % der Opfer waren Frauen – nicht primär, weil die Kirche oder die Gesellschaft dachte „Frauen sind schlecht, töten wir sie“, sondern weil arme Witwen und alleinstehende Frauen ohne männlichen Schutz die leichtesten und wehrlosesten Ziele darstellten.