Wer heute durch soziale Medien scrollt oder auf Mittelaltermärkten unterwegs ist, stößt immer häufiger auf Menschen, die sich stolz als Asatru oder „Nordisch-Gläubige“ bezeichnen. Mit Thorshämmern um den Hals, Hornmet in der Hand und Runen-Tattoos auf der Haut berufen sie sich auf den Glauben der alten Wikinger. Doch blickt man mit den kühlen Augen der Geschichtswissenschaft auf dieses Phänomen, wird schnell klar: Das, was hier als „alte Tradition“ verkauft wird, hat mit der historischen Realität der Wikingerzeit ungefähr so viel zu tun wie ein Romantasy-Roman mit einem Geschichtsbuch.
Aus historischer und wissenschaftlicher Sicht lässt sich das moderne Nord-Heidentum im Grunde auf eine Form des spirituellen Rollenspiels reduzieren – kurz: LARP (Live Action Role-Playing) mit religiösem Anstrich.
1. Das Rekonstruktions-Dilemma: Religion ohne Skript
Das fundamentale Problem jedes modernen Asatru-Anhängers ist denkbar einfach: Niemand weiß, wie die altnordische Religion tatsächlich praktiziert wurde.
Die Wikinger hinterließen keine heiligen Schriften, keine Theologiebücher und keine liturgischen Leitfäden. Die altnordische Kultur war eine mündliche Kultur. Das, was wir heute als „nordische Mythologie“ in Lexika nachlesen können, stammt fast ausnahmslos aus der Feder christlicher Gelehrter des Mittelalters – verfasst hunderte Jahre nach der Christianisierung Skandinaviens:
- Snorri Sturluson, der Autor der berühmten Prosa-Edda (ca. 1220), war kein heidnischer Priester, sondern ein christlicher Politiker. Er ordnete die Mythen nach dem Vorbild antiker, griechisch-römischer Klassiker und stellte die nordischen Götter als bloße menschliche Helden dar.
- Saxo Grammaticus schrieb aus einer dezidiert christlich-polemischen Haltung heraus.
- Adam von Bremen beschrieb den legendären Tempel von Uppsala im 11. Jahrhundert als christlicher Kleriker aus der Außenperspektive – gesehen hat er ihn sehr wahrscheinlich nie.
Die spärlichen zeitgenössischen Zeugnisse wie Runensteine oder archäologische Funde liefern zwar Namen und Symbole, verraten aber fast nichts über konkrete Riten, Gebete oder Glaubensinhalte. Kurz gesagt: Wer heute glaubt, die Religion der Wikinger zu praktizieren, bedient sich eines Lückentextes, bei dem 90 Prozent der Wörter fehlen.
2. Erfundene Traditionen: Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts
Da die historische Kette der Überlieferung im späten Mittelalter vollständig abriss, gibt es keinerlei Kontinuität. Das heutige Asatru ist keine uralte Glaubensform, sondern eine moderne Neuerfindung.
Die Entstehung des modernen Heidentums lässt sich recht präzise nachzeichnen:
- Die Romantik des 19. Jahrhunderts: Im Zuge der Nationalstaatenbildung suchte man in Europa nach „völkischen Wurzeln“. Die Edda wurde neu übersetzt, poetisiert und mit bürgerlichen Moralvorstellungen angereichert. Das Bild des edlen, freiheitsliebenden Wikingers war geboren.
- Die Neopaganismus-Welle des 20. Jahrhunderts: In den 1970er-Jahren gründeten sich in Island (Ásatrúarfélagið) und anderen Teilen der Welt Gruppen, die versuchten, aus den literarischen Fragmenten der Edda eine neue Religion zu basteln.
Das heutige Brauchtum – von selbst erfundenen Ritualabläufen über esoterische Runen-Mantik bis hin zu neuheidnischen Feiertagen – ist eine Mischung aus romantischer Dichtung, moderner Esoterik und Anleihen aus dem Christentum. Es ist ein klassisches Beispiel für das, was der Historiker Eric Hobsbawm als „erfundene Tradition“ (invented tradition) bezeichnete.
3. Der Entfremdungseffekt: Entkoppelt von der Lebenswelt
Eine Religion lässt sich nicht isoliert von den Lebensbedingungen ihrer Anhänger betrachten. Die historische altnordische Religion war eine extrem pragmatische Überlebens- und Agrarreligion:
| Historische Wikingerzeit | Moderner Neopaganismus |
| Ziel: Ernteerträge, Überleben im Winter, Schutz vor Viehseuchen, Kriegserfolg. | Ziel: Selbstverwirklichung, Naturromantik, Identitätssuche, Esoterik. |
| Haltung: Do ut des („Ich opfere Blut und Fleisch, damit der Gott mir hilft“). | Haltung: Symbolische Rituale ohne reale Existenzbedrohung. |
| Weltbild: Von Naturgefahren bedroht, lokal und stammgebunden. | Weltbild: Supermarkt, Zentralheizung und wissenschaftliches Weltbild. |
Ein modernes Blót (Opferfest), bei dem Met aus dem Supermarkt im Park über einen Stein gegossen wird, hat mit dem Blutopfer eines Bauers im 9. Jahrhundert, der um das Überleben seiner Familie vor dem Verhungern bangte, nur die Bezeichnung gemein.
Fazit: Ehrlichkeit statt Selbstbetrug
Gegen das Interesse an Geschichte, Mythologie und historischem Reenactment ist absolut nichts einzuwenden. Auch die Suche nach Naturverbundenheit oder neuen Identitätsmustern in einer komplexen Welt ist verständlich.
Problematisch und historisch unhaltbar wird es jedoch dann, wenn Anhänger des modernen Asatru behaupten, sie würden authentisch den „Glauben der Ahnen“ praktizieren. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive lässt sich das Urteil kaum milder formulieren: Modernes Asatru ist kein uraltes Heidentum, sondern ein Kostümfest für die Seele – ein historisches Rollenspiel, das schlichtweg vergessen hat, dass es ein Spiel ist.